Eisenberg oder Kirche als Opernhaus — Eisenberg or The Church That Wanted To Be An Opera House

Eisenberg: Rathaus & Stadtkirche — Town Hall & Parish Church

Wer, was, oder wo ist Eisenberg?  Wir hatten nie von dem Ort gehört, und ich habe seither noch niemanden getroffen, dem Eisenberg ein Begriff wäre.  Wir gerieten nur dorthin, weil der Ort so praktisch nah an der Autobahn liegt und sich für einen Zwischenstopp anbot — der Autoatlas markierte ihn als touristisch interessant.  Was uns erwartete, wußten wir aber nicht.  Nah an der Autobahn Berlin-München, aber doch so abgelegen, in jeder Hinsicht im Abseits.  Niemand braucht diese Städtchen in Thüringen oder Sachsen-Anhalt mehr, sie sind historische Relikte — einer allerdings bemerkenswert hochstehenden Kultur…

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Who, what or where is Eisenberg?  We had never heard of the place, and I have yet to meet someone who has.  We only found ourselves there because it is situated so close to the motorway and thus seemed suitable for a short stopover — the map marked it as worth visiting.  Yet we had no idea what to expect.  Close to the Berlin-Munich motorway, and yet so remote, off the beaten path in every sense.  No one needs these little towns in Thuringia and Saxony-Anhalt, they are remnants — remnants, to be sure, of a rather sophisticated civilisation…

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Eisenberg: Stadtkirche — Parish Church

Eisenberg: Stadtkirche — Parish Church

Eisenberg: Evangelische Superintendentur (1599)

Eisenberg: Mohrenbrunnen — Moor’s Fountain (1727; Johann Schellenberg)

Eisenberg: Mohrenbrunnen — Moor’s Fountain

Eisenberg: Rathaus — Town Hall

Eisenberg: Herzogliches Schloß — Ducal Palace

Ein Schloß?  Ich witzelte, es gab doch wohl (unter den zahlreichen thüringischen Kleinfürstentümern) nicht auch noch ein Herzogtum Sachsen-Eisenberg?  H las eine Erklärungstafel und sagte: doch, gab es.

A palace?  Don´t tell me that (among the many little principalities of Thuringia) they had a duchy of Saxe-Eisenberg.  I meant it as a joke.  Yet H, reading an explanatory tablet, said, yes they did.

Eisenberg: Herzogliches Schloß — Ducal Palace

Sachsen-Eisenberg kennt man allerdings wohl schon deshalb eher weniger, weil dieses Herzogtum eine Ein-Mann-Schau war (oder: ein Mann, zwei Frauen).  Es gab nur einen Herzog von Sachsen-Eisenberg, Christian (Porträt hier), und er war zweimal verheiratet.  Und „Schau“ ist schon richtig.  Zeugnis dafür die geradezu unglaubliche Schloßkirche, die Christian in den 1680er Jahren für die Residenz seines frischgebackenen Herzogtums bauen ließ und unter deren Altar er begraben ist.  Da hat die Tourismusbehörde noch zu arbeiten.  Überregional ist dieses Bauwerk kaum ein Begriff — aber weniger Imposantes hat es schon auf die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO geschafft.  Es empfiehlt sich, die Bilder jeweils in der vergrößerten Version zu betrachten, sonst wird das Detail zu kleinteilig.

One reason why Saxe-Eisenberg is not so well known is probably that this duchy was a one man show (or more precisely, one man, two women).  There was only one duke of Saxe-Eisenberg, Christian (here is a portrait), and he was married twice.  And „show“ is the right word.  Witness the rather incredible palace church that Christian had built in the 1680s for his newly-minted duchy and under whose altar he lies buried.  The tourism authorities still have work to do.  In the wider world this building is hardly a household name — but less imposing stuff has made it onto the UNESCO world heritage list.  It is recommended to view the images in the enlarged version, otherwise the detail becomes too intricate.  

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church

Christian, einziger Herzog von Sachsen-Eisenberg, geb. am 6. Jan. 1653 zu Gotha, † am 28. April 1707 zu Eisenberg, war der fünfte von den Söhnen Herzog Ernsts des Frommen von Sachsen-Gotha….Er besuchte im Jahre 1669 die Universität Straßburg, bereiste 1672 mit seinen Brüdern Bernhard und Heinrich Holland und die Niederlande, dann 1673 die Schweiz, Italien, Savoyen und Frankreich, endlich nach dem Tode seines Vaters (1675) Oesterreich, Ungarn, und wiederum Italien. Nach seiner Rückkehr wählte er Eisenberg zu seiner Residenz und vermählte sich…mit der Prinzessin Christiane, Tochter des Herzogs Christian, Administrators zu Merseburg. Mit ihr hielt er am 17. März 1677 seinen Einzug in das von ihm erweiterte und nach ihm benannte Schloß, die Christiansburg. Durch einen Vergleich mit seinen Brüdern (19. April 1678) erhielt er zu seiner Hofhaltung die vier Städte und Aemter Eisenberg, Ronneburg, Roda und Camburg…. Allein Ch. verstand es nicht, seine Ausgaben nach seinen Einnahmen einzurichten….Die Knabenschule [in Eisenberg] erweiterte er und erhob sie im J. 1688 zu einem Lyceum, stiftete mit großer Freigebigkeit (1702) einen Freitisch von 12 Stellen, erbaute 1682 eine neue Mädchenschule, 1689 ein neues Schulgebäude…Aus dem Schortenthale ließ er das Quellwasser auf eigene Kosten durch dazu in seinem Laboratorium gegossene bleierne Röhren in den Schloßhof und in die Stadt leiten (1702.)….Als von der Stadt das Rathhaus erweitert wurde, unterstützte er den Bau auf das freigebigste. Alle diese Unternehmungen kosteten mehr als der Herzog einnahm. Dazu kam noch sein unwiderstehlicher und verderblicher Hang zur Alchemisterei….In den letzten Jahren seines Lebens glaubte der Herzog…mit Geistern in besonderer Verbindung zu stehen und im Jahre 1705 erschienen ihm in seinem abenteuerlich ausgeschmückten Betzimmer die Schatten des Herzogs Johann Casimir von Sachsen-Coburg und seiner untreuen Gemahlin Anna, die Herzog Ch. durch sein Gebet wieder versöhnte. Der feste Glaube, mit Hülfe der Alchemie außerordentliche Schätze zu gewinnen, ließ ihn schon im J. 1699 zur Errichtung eines adelichen Fräuleinstifts 400000 Rth. [Reichstaler], zu einer Armen- und Waisenschule 240000 Rth., zu einem Zuchthause 320000 Rth. bestimmen [wenn diese Angaben ernst zu nehmen sein sollen, sind das gigantische Beträge, die offenbar als Stiftungsvermögen zu verstehen sind], und vier Wochen vor seinem Tode erließ er seinen Unterthanen die Steuern auf drei Jahre. Natürlich starb er mit Hinterlassung einer bedeutenden Schuldenmasse. Seine sämmtlichen Einnahmen beliefen sich nur auf 23585 Rth. und für seine eigene Person blieben ihm jährlich nur 8 Thaler. Er sah sich genöthigt, Gelder zu borgen und Einschränkungen im fürstlichen Haushalte zu machen. Im Jahre 1705 entließ er 41 Personen aus seinem Dienste, die übrigen mußten mit geringeren Besoldungen zufrieden sein….Ch. war ein wohlwollender menschenfreundlicher Fürst, dessen Streben dahin ging, sein Land und seine Unterthanen glücklich zu machen. Sein frommer Sinn artete in Aberglaube aus….Mit Herzog Ch. starb die von ihm gegründete eisenbergische Linie wieder aus. Sein Land fiel an Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha[-Altenburg].“  (Allgemeine Deutsche Biographie Bd. 4, 1876)

Christian, sole duke of Saxe-Eisenberg, born 6 January 1653 at Gotha, † 28 April 1707 at Eisenberg, was the fifth of the sons of Duke Ernest the Pious of Saxe-Gotha….In 1669 he enrolled at Strasbourg university.  In 1672, together with his brothers Bernard and Henry, he travelled in Holland and the Netherlands, then in 1673 in Switzerland, Italy, Savoy and France, finally, after his father’s death (1675), in Austria, Hungary and, once more, Italy.  Following his return he chose Eisenberg as his residence and married…the Duchess Christiane, daughter of Duke Christian, administrator of Merseburg.  With her at his side on 17 March 1677 he held his entry into the palace that he had enlarged and renamed Christiansburg.  A settlement with his brothers (19 April 1678) gave him the four towns and lordships of Eisenberg, Ronneburg, Roda and Camburg to finance his court….However, Ch.  never succeeded in adapting his expenses to his income….He enlarged the boys‘ school [at Eisenberg], raised it, in 1688, to the status of a lyceum, and in 1702 very liberally endowed a free table [evidently some form of scholarship] of 12 places.  In 1682 he built a new girls‘ school, and in 1689 he put up a new school building….At his own expense he had water from a source in the Schorte valley carried to the palace courtyard and into the town by means of lead tubes cast in his private laboratory (1702)….When the town enlarged the town hall he supported the project most liberally.  All these activities cost more than the duke had in revenue.  His irresistible and nefarious penchant for alchemy did not improve the situation….In the last years of his life the duke…thought himself to have a special connection with spirits and in 1705 the shadows of Duke John Casimir of Saxe-Coburg and his unfaithful wife Anna appeared to him in the outlandish decor of his prayer chamber, to be reconciled by him through his prayer.  The firm belief that alchemy would earn him vast riches let him designate, already in 1699, 400000 reichstaler for a convent for noble ladies, 240000 reichstaler for a school for poor children and orphans, 320000 reichstaler for a prison [if these figures are to be taken seriously they represent gigantic sums which would evidently have been used as endowments], and four weeks before his death he abolished all taxes for his subjects for a period of three years.  Of course he died leaving a huge quantity of debts.  His entire revenue was a mere 23585 reichstaler, of which only 8 reichstaler would remain to be spent on his own person.  He found himself obliged to borrow money and to enact economy measures with regard to his household.  In 1705 he laid off 41 persons from his service, and the remainder had to be content with reduced salaries….Ch. was a benevolent, philanthropic prince, whose object was to make his land and subjects happy.  His piety degenerated into superstition….With Duke Ch.  the Eisenberg branch that he had founded became extinct again.  His land fell to Duke Frederic II of Saxe-Coburg[-Altenburg].“  (Allgemeine Deutsche Biographie vol. 4, 1876)

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church

Architekten der Schloßkirche waren Christian Wilhelm Gundermann und Johann Moritz Richter.  Die Malereien stammen von Johann Oswald Harms (zu seiner Zeit nicht zuletzt als Bühnenbildner berühmt); für die Stuckarbeiten waren italienische Handwerker verantwortlich.

The architects of the palace church were Christian Wilhelm Gundermann and Johann Moritz Richter.  The paintings are by Johann Oswald Harms (famous in his day not least as a designer of stage sets); the plasterwork was the responsibility of craftsmen from Italy.

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church

Eisenberg: Schloßkirche
Herzogliche Loge mit Porträt Herzog Christians — Palace Church. Ducal box, with a portrait of Duke Christian.

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church

Eisenberg: Schloßkirche. Inneres der herzoglichen Loge — Palace Church. Inside the ducal box.

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church
Orgel / Organ (1684; Christoph Donat / 1733; Tobias Heinrich Gottfried Trost)


(Übersicht anklicken — Click on the specification table)

Eisenberg: Schloßkirche.  Orgel — Palace Church.  Organ

Donat wie Trost gehören zu jenen bedeutenden Orgelbauern, von denen nur wenige Werke noch vorhanden sind — und was gäbe man um ein paar mehr.  Donats größte halbwegs original erhaltene Orgel ist die der Stadtkirche zu Luckau (Brandenburg) von 1673 (37/III+P, Bild hier).  Trost ist überaus berühmt für die Orgeln (beide in Thüringen) der Schloßkirche Altenburg von 1739 (41/III+P, Bild hier) und der Stadtkirche Waltershausen von 1724ff. (47/III+P, Bilder hier; recht gut gemachte Videos, die die Waltershausener Orgel sehr eindrucksvoll zeigen, und sie in ordentlicher Tonqualität hören lassen, finden sich hier — der auf dieser Seite unverständlicherweise nicht genannte Organist ist Hans-André Stamm).

Both Donat and Trost are among those important organ builders of whom very few works are extant — and what would one not give for a few more.  The largest organ by Donat to be preserved in something approaching its original condition is that in the main parish church of the town of Luckau (Brandenburg) of 1673 (37/III+P, click here for a picture).  Trost is very famous for the organs (both in Thuringia) of the palace church at Altenburg of  1739 (41/III+P, click here for a picture) and of the parish church of the town of Waltershausen (47/III+P, views of this organ can be found here; quite well-made videos, which show of the Waltershausen organ impressively and give some idea of its sound can be found here — the organist, who bizarrely on this site remains unnamed, is Hans-André Stamm).

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church
Granatapfel als Balusterknauf. A baluster topped by a pomegranate.

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church
Christiane von Sachsen-Merseburg (1659-79), erste Herzogin von
Sachsen-Eisenberg (1677-79)
Christiane of Saxe-Merseburg, first Duchess of Saxe-Eisenberg

Herzogin Christiane hat die Schloßkirche nie gesehen — sie starb vor Baubeginn.  Totenschädel und gekreuztes Gebein finden sich aber ebenso unter den Porträts Herzog Christians und seiner zweiten Ehefrau, obwohl sie die Fertigstellung des Gebäudes um viele Jahre überlebten.

Duchess Christiane never saw the palace church — she died before building commenced.  But the skull and the crossed bones are likewise found under the portraits of Duke Christian and his second wife, even though both survived the completion of the church by many years.

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church
links: Sophie-Marie von Hessen-Darmstadt (1661-1712), zweite und letzte Herzogin von Sachsen-Eisenstadt
left: Sophie-Marie of Hesse-Darmstadt, second and last Duchess of Saxe-Eisenberg

Eisenberg: Schloßkirche — Palace Church

V(erbum) D(ei) M(anet) I(n) AE(ternum)

[Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; aber] das Wort unsres Gottes bleibt ewiglich. (Jesaja 40.8)

[The grass withereth, the flower fadeth: but] the word of our God shall stand for ever.
(Isaiah 40.8)

 

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